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Der Tag danach

June 30, 2015

Published in Private Banking Magazin Deutschland 

 

Wir beschäftigen uns tagtäglich mit einem Thema so stark, dass wir oft darüber vergessen, es in seiner Konsequenz fortzuschreiben.

 

Meine bekannten Themen sind Innovation und die FinTech (Finanztechnologie oder Financial Technology) Branche und ihre zukünftigen Auswirkungen auf die traditionell geprägten Banken- und alle übrigen Branchen und schlussendlich auf uns alle in direkter oder indirekter Form.

 

Nach dem ‚Tag danach’ werden wenige Banken, Versicherungen und FinTechs überlebt haben, die Digitalisierung wird weiter fortschreiten und Talente werden dann eher in der Technologiebranche gesucht und gefunden, aber sicherlich weniger in der Beratung von Kunden.

 

Jedoch ist es genau die Beratung, die an Wert gewinnen wird, da mit dem Prozess zwangsläufig eine Erosion stattfinden wird.

 

Mit dieser Erosion wird es nämlich zunehmend an Talent, Erfahrung und Kreativität mangeln und die Expertise fehlen. Aber genau dort, in diesem Beratungsbereich, ist die Zukunft der Banken und Versicherungen und damit die der Menschen und deren Familien, die sich eine Zukunft in der Finanzbranche gesucht haben, zu suchen.

 

Die FinTech Bewegung und die IT-Giganten (Amazon, Apple, Google und Facebook) werden unser Verständnis für Banking und zugehörigen Dienstleistungen für immer verändern.

 

Diese Unternehmen entwickeln bekanntlich neue Geschäftsfelder, die sich auf Vermögensverwaltung, Zahlungsverkehr oder Kreditvergaben stützen. Damit wird den Banken ihr Geschäft entzogen und somit auch der Aufgabenbereich der dort Beschäftigten. Nach dem Einbruch  der Gewinnmargen wird zwangsläufig die Schliessung von Abteilungen und Filialen die Folge und damit der Personalabbau unabwendbar sein.

 

Die Bankenwelt trifft damit auf Probleme, die andere Branchen wie Verlage mit ihren Druckhäusern oder die Unterhaltungsindustrie bereits tragisch durchgespielt haben. Es trifft damit nicht nur die Anteilseigner dieser Unternehmen sondern auch die Menschen, die in diesen Industrien arbeiten.

 

Der im Zeitablauf letzte Teil ist der wohl traurigste Teil der Digitalisierung in diesem Bereich, ob wir es wollen oder nicht. Meistens wollen wir Dinge, die unseren Alltag oder dort ablaufende Prozesse vereinfachen, aber nicht die Konsequenzen, die unweigerlich eintreten und dazu gehören. Man kann eben kein Omelette machen, ohne Eier zu zerschlagen, und das gilt leider auch für die Veränderungen, die auf die Finanzinstitute zukommen und dies mit einem viel schnelleren Veränderungstakt, als wir alle bereits gewöhnt sind.

 

Es ist zwar nicht so, dass alle Banken und Versicherungen verschwinden werden und es dann nur noch ‚FinTech Supermarkets’, also Banken mit Partnerschaften sowohl mit FinTech-Unternehmen als auch mit großen Internet-Firmen geben wird. Aber viele Finanzinstitute werden  in der Konsolidierungswelle schrumpfen oder untergehen und auch viele der FinTechs werden nicht mehr da sein, unter einem konsolidierten Namen oder, durch Akquisition in einer Bank integriert, überleben.

 

Das mag ja für viele Teilnehmer und Leser nichts Neues sein, aber die breiten Konsequenzen und die sich daraus ergebenden Opportunitäten sind für viele noch nicht überschaubar.

 

Wenn es manchen Lesern so geht, hier kein großes Mitleid für die Konsequenzen der Leute in der Finanzindustrie aufkommen zu lassen, dürfen sie nicht vergessen, dass viele der hier Beschäftigten gut zahlende Steuerzahler sind und auch viele andere Wirtschaftszweige, z.B. im Bereich des Einzelhandels, direkt oder indirekt  mit ihrer starken Kaufkraft unterstützen. Zudem bilden sie zusammen mit anderen Branchenbeschäftigten einen wichtigen Bestandteil der Mittelklasse und helfen somit auch, unseren hohen Lebensstandard zu bewahren.

 

Deshalb muss es in unser aller Interesse liegen, dass die Branche einen Weg aus ihrer dramatischen Krise findet.

 

Damit die Finanzinstitute überleben, müssen sie als erstes versuchen, sich von bestehenden veralteten Systemen und Software (Legacy IT Systems) so schnell wie möglich zu emanzipieren; zweitens, sich FinTech-Know-how einzuverleiben durch Partnerschaften oder Akquise, und drittens, sich auf eine unabhängige und erstklassige Beratung zu konzentrieren.

 

Die ersten zwei Punkte sind meist sehr technologiebezogen und in vielen CEO-Köpfen schon angekommen, aber vielleicht noch nicht richtig gelebt oder von aussen wahrgenommen. Der dritte Punkt bezüglich der Beratung scheint offensichtlich schon da zu sein, wenn man sich in der Finanzbranche umhört. Er wird aber von der Kundschaft und dem so wichtigen Kundensegment wie den Millennials, von denen viele Bedürfnisse auch auf andere Generationen übertragbar sind, nicht so wahrgenommen.

 

Die Millennials (die Jahrtausender) sind die Generation, die um 1980 bis 2000 geboren sind und als das wichtigste Wachstums-Segment für die Zukunft der Banken angesehen werden. 

 

Der Zugang zu ihnen ist für die Banken aus verschiedenen Gründen sehr schwierig. Sie sind viel besser informiert, ausgebildet, konservativer, und bedienen sich zum großen Teil anderer Bezugspersonen als Banker wie zum Beispiel Freunde, Familie und Online-Netzwerke, wenn es um ihre Finanz-Beratung und diesbezügliche Themen geht.

 

Sie verbringen sehr viel ihrer Zeit online und vor allem dann mit ihren Mobilgeräten, was den Einfluss der Banken auf die Millennials noch schwieriger macht. Sie lieben Online-Banking und kostengünstige Beratungen, siehe auch der starke Trend zu Robo Advisors, die die Anlagebereitschaft ohne Berater fördern und viel günstiger sind als die Inanspruchnahme der traditionellen Banken. Bisweilen wird dort auch eine bessere Performance erbracht. Das letztere muss sich zwar noch in Krisenzeiten bewähren, aber auch hier werden die Fintechs mit ihrer hohen Anpassungsfähigkeit Lösungen erarbeiten.

 

Zudem machen es die traditionell geprägten Strukturen, Technologien und Denkweisen den Banken sehr schwierig, die FinTech-Gleichung (FinTech Equation: Innovation + Customer Experience + 24/7 = FinTech) zu lösen, die aber für Millennials so wesentlich ist.

 

Viele Banken verfügen natürlich über Teams und entsprechende Strategien, Innovations- und Technologie-Initiativen innerhalb ihres Unternehmen zu fördern, weil es halt dazu gehört. Zuletzt fehlt es aber oft an der nötigen Konsequenz und Schlagkraft mit der nötigen Autorität, die nur dann anwendbar ist, wenn es ums wahre Überleben geht. Die FinTech Unternehmen gehen mit diesem Motto jeden morgen zur Arbeit und abends ins Bett, wenn sie erfolgreich sein wollen.

 

Am Tag danach, wie nach einer Naturkatastrophe, wird vieles neu aufgebaut werden müssen und wird dann stärker sein als vorher. Und obwohl sich dies jetzt abwegig anhört, wird der Tag danach zurückblickend der Anfang einer Zukunft der Hoffnung und der Möglichkeiten darstellen. Ich bin in meinem Leben nur nach Rückschlägen vorwärtsgekommen, Erfolge allein wiegen einen Menschen oft zu sehr in Sicherheit.

 

Also, die großen Chancen für uns alle – für Banken, Versicherungen, FinTechs, IT-Giganten und Menschen - sind noch vor uns und die digitale Bewegung wird uns unterstützen, unsere Ziele zu erreichen und die Veränderungen voranzutreiben, eben alles nur ein bisschen schneller und anders, als wir uns bis jetzt vorgestellt haben und gewöhnt sind.

 

Eine unabhängige Beratung aus einer offenen Lösungs-Architektur heraus, die kompetent, kreativ und vor allem menschlich ist, wird nicht verschwinden und sogar an Bedeutung gewinnen. Die Ansprüche der Nutzer werden viel höher sein, und daraus werden sich große Chancen der neustrukturierten und zukunftsgerichteten Finanzindustrie ergeben.

 

Angst haben viele vor den Risiken der Veränderungen, aber sie sollten und sind auch ein fantastischer Treiber für die Möglichkeiten vor uns.

 

Anders betrachtet kann der Tag danach für uns alle auch der Tag der Hoffnung sein. Es passt für die Meisten, die an eine bessere Zukunft glauben und sie auch mitprägen wollen.

 

 

“I only made progress after setbacks.”

 

@SpirosMargaris

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